Infos und Neuigkeiten von meinem Freiwilligenjahr in Indonesien

Montag, 21. März 2011

Halbjahresbericht

Wieder einmal ist es lange her seit meinem Eintrag, es ist aber auch wieder einmal sehr viel passiert.
Ich habe nicht nur meine "Visa-Extension-Reise" durch Thailand, die Philippinen und Singapur hinter micht gebracht, sondern war auch in auf einem spontanen Trip in der Landeshauptstadt Jakarta unterwegs und habe außerdem meine Schüler intensiv auf ihre Abschlussprüfungen vorbereitet.

Würde ich in diesem Blogeintrag von allen erzählenswerten Gegebenheiten auf einmal berichten, säße ich wohl bei Tagesanbruch noch vor der Tastatur. Deshalb will ich mich diesmal auf meine aktuelle Situation beschränken, bevor ich von der Vergangenheit erzähle.
Für meine Entsendeorganisation ICJA musste ich kürzlich mal wieder einen Zwischenbericht anfertigen, mein Aufenthalt in Indonesien ist schließlich bei der Halbzeit angelangt. Im folgenden findet ihr also den besagten Halbjahresbericht, der meine gegenwärtige Rolle im Projekt und in der Gastfamilie behandelt.

Über die Hälfte meines Aufenthaltes in Indonesien ist vorbei und seit dem letzten Zwischenbericht vor 3 Monaten hat sich einiges getan. Ich begreife immer mehr von meinem Gastland und gewinne immer tiefere Einblicke in die Kultur, was sicherlich auch daran liegt das ich Sprache inzwischen fast fließend beherrsche. Die Hoffnung, jemals Jawanesisch zu beherrschen, habe ich zwar aufgegeben, aber dafür haben mich meine guten Indonesischkenntnisse zum gefragten Gesprächspartner werden lassen.


Diese verbesserten Sprachkenntnisse beeinflussen auch meine Rolle im Projekt. Die allermeisten meiner Schüler verstehen auch nach über 5 Jahren Englischunterricht kaum ein Wort standartmäßig gesprochenes Englisch und bei zahlreichen Schülern glaube ich auch nicht, dass sich das jemals ändern wird. Ich bezweifele inzwischen, dass man bei der aktuellen Personalbesetzung und den riesigen Klassen etwas an der gegenwärtigen Situation ändern kann. Da ich meine Englischkenntnisse also kaum effektiv einsetzen kann, versuche ich meine Fähigkeiten und anderweitigen Kenntnisse so gut wie möglich einzubringen. Ich beschränke mich inzwischen oft darauf, auf Indonesisch von den Verhältnissen in Deutschland, Europa und dem Rest der Welt außerhalb Indonesiens zu berichten. Auf diese Weise kann ich nicht nur mit teilweise völlig absurden Vorurteilen aufräumen („Regnet es überhaupt in Europa?“) sondern auch ihren Horizont erweitern. Viele von ihnen haben noch nie ihre Heimatstadt verlassen und werden erst recht nie ihr Land verlassen, sodass sie stets sehr dankbar und interessiert an meinen Ausführungen sind. Wenn sich die Möglichkeit bietet, versuche ich in meine Ausführungen immer ein paar Sätze auf Englisch zu flechten, wobei ich dann allerdings oft in irritierte Gesichter gucken muss.


Meine Gastfamilie betrachte ich inzwischen schon fast als richtige Familie, ich fühle mich dort sehr wohl. Meinen eigentlichen Gastbruder sehe ich zwar höchstens alle 2 Wochen da er ansonsten in einem islamischen Internat wohnt, aber da in der angrenzenden Doppelhaushälfte noch die Familie meines Gastonkels wohnt, habe ich deren Kinder oft um mich herum und kann mir mit ihnen die Zeit vertreiben. Inzwischen behandelt mich meine Gastfamilie auch nicht mehr wie einen völlig hilflosen Gast im fremden Land sondern lässt mir immer mehr Freiheiten, sodass ich nun schon seit längerem einen geregelten Alltag habe und nicht mehr jeden meiner Schritte vorher anmelden muss.


Anfangs war ich sehr glücklich darüber, in einer Gastfamilie zu wohnen. Ich bekam so einen sehr authentischen Einblick in das traditionelle, indonesische Familienleben und lernte sicherlich auch viel mehr von der Kultur, der Sprache und den Gerichten meines Gastlandes kennen, als ich es jemals getan hätte, wenn ich alleine gewohnt hätte. In letzter Zeit wünsche ich mir allerdings immer öfter, alleine oder zusammen mit einem anderen internationalen Freiwilligen zu wohnen. Nach über einem halben Jahr habe ich nun genug Kenntnisse von Sprache und Sitten erworben und wünsche mir mehr Unabhängigkeit. In einer eigenen Unterkunft würde mir nicht ständig jemand auf die Finger gucken und ich müsste nicht wie so oft mein Verhalten erklären, welches für Deutsche völlig normal wäre, bei Indonesiern allerdings auf Unverständnis stößt.


Leider habe ich immer noch keine wirklich engen Freundschaften mit Einheimischen knüpfen können. In dieser Angelegenheit stehe ich vor demselben Problem wie die meisten der anderen Freiwilligen auch: viele Indonesier, ganz besonders auf dem Land, sehen einfach nicht über die weiße Hautfarbe hinweg und stellen sich nur wegen der Herkunft bei jeder Begegnung direkt unter einen. Unter diesen Bedingungen kann sich keine echte Freundschaft entwickeln und die immer noch bestehende Sprachbarriere tut ihr Übriges. Zum Glück wird unsere Gemeinschaft an internationalen Freiwilligen immer größer, sodass wir uns wenigstens untereinander austauschen können.



Trotz aller Schwierigkeiten die ich in diesem Bericht geschildert habe, gefällt es mir hier immer noch sehr gut und es fällt mir auch mit jedem Tag leichter, meinen Weg zwischen islamischen Regeln und indonesischer Tradition zu finden, ohne dass ich meine eigene Persönlichkeit zu sehr beschränken müsste.

Grüße auch dem immer heißer werdenden Zentraljawa (die Trockenzeit beginnt),


Fabian Garbe


Mittwoch, 19. Januar 2011

Schon lange her

Bevor mein letzter Eintrag morgen 2 Monate alt wird, möchte ich doch noch schnell etwas schreiben, nicht das man denkt ich hätte meinen Blog vergessen!
In den letzten Wochen war ich ziemlich beschäftigt: im Dezember wurden landesweite Examen geschrieben, und da ich während dieser Klausurenphase nicht anwesend sein muss, habe ich die Zeit anderweitig sinnvoll genutzt, nämlich um mein Gastland noch intensiver kennenzulernen. Kurz, ich bin nach Sumatra, Bali und Flores gereist und habe mich dort wiedereinmal von der Vielfalt Indonesiens beeindrucken lassen. Aber davon werde ich ein anderes Mal berichten.
Außerdem haben mich meine Eltern in meinem Projekt und meiner Gastfamilie besucht, was nicht nur für meine jeweiligen Eltern sehr interessant war sondern natürlich auch für mich sehr schön war.

Zwischen Weihnachten und Neujahr waren in meiner Schule Ferien und mit dem Beginn des neuen Kalenderjahres hat die Vorbereitung für die großen Abschlussprüfungen im Juli angefangen, dass heißt 3 mal die Woche gibt es jetzt nachmittags zusätzlichen Unterricht, bei dem ich neben dem Englischkurs den ich anbiete auch noch mithelfe.
Auch außerschulisch ist zur Zeit einiges los: die letzte Phase der Reisernte hat begonnen und da meine Gastfamilie einige Hekter Reisfeld besitzt gibt es zahlreiche Gelegenheiten bei denen meine Hilfe sehr willkommen ist, dazu zählt zum Beispiel 50-Kilo Säcke umladen oder Reis zum trocknen ausbreiten und wenden.
Und da ich jetzt schon FAST ein halbes Jahr hier bin, wird es Zeit, dass ich mit den anderen Freiwilligen aus dem Land ausreise und ein neues Visum für das nächste halbe Jahr beantrage, so ist die Regel. Die Reise wird nach Bangkok gehen und ich freue mich schon enorm.

Ich hoffe, dass ich bis dahin nochmal einen etwas ausführlicheren Bericht schreiben kann. Nächste Woche findet die MidTerm Evaluation meiner Organisation hier vor Ort statt, viellicht finde ich ja mal eine ruhige Minute.

Samstag, 20. November 2010

Offizieller 3-Monats Bericht

Für meine Entsendeorganisation ICJA muss ich nach 3, 6 und 12 Monaten jeweils einen Zwischenbericht schreiben. Ich möchte nun also meinen offiziellen 3-Monatsbericht mit euch teilen.


Ich bin inzwischen seit über 3 Monaten in Indonesien und so langsam fühle ich mich hier zu Hause. Bevor ich hierher gekommen bin, hatte ich eigentlich keine großen Erwartungen, denn wer keine Erwartungen hat, kann auch nicht enttäuscht werden. Obwohl ich vor 2 Jahren schon einmal hier war auf einer Rundreise, war ich doch von vielen Dingen überrascht. Damals war ich mit meiner Familie und einer großen Reisegruppe unterwegs. Wir sind größtenteils unter uns geblieben, waren in einem riesigen, modernen Bus unterwegs und haben in westlichen Hotels übernachtet. Wir haben zwar damals in sehr kurzer Zeit sehr viel gesehen, sind aber kaum in die Kultur Indonesiens eingetaucht.


Schon in den ersten Tagen meines FSJs habe ich mehr über die tatsächliche Kultur erfahren als damals in 3 Wochen. So mussten wir Freiwillige unter anderem überrascht und auch etwas frustriert feststellen, dass in Indonesien nicht eine Sprache gesprochen wird, sondern über 200! Frustriert deshalb, weil das für uns bedeutet, dass wir nicht nur Bahasa Indonesia lernen müssen, sondern auch noch Javanesisch. Das Indonesische fällt mir zum Glück sehr leicht, ich kann inzwischen schon die meisten alltäglichen Konversationen meistern und verstehe auch immer mehr vom etwas anspruchsvolleren Indonesisch welches z.B. im Fernsehen gesprochen wird. Nur mit dem Javanesischen kann ich mich nicht anfreunden. Es gibt 3 verschieden Sprachlevel die sich an der Autorität der Gesprächspartner orientieren und auch die Aussprache fällt mir ausgesprochen schwer.

Zum Glück wurden wir Freiwillige in der Einführungswoche auch über die asiatische Höflichkeit und vor allem über die berühmt-berüchtigte Indirektheit aufgeklärt, das hat uns besonders am Anfang vor so mancher peinlichen Situation bewahrt. Nichts desto trotz sind wir natürlich trotzdem in zahlreiche Fettnäpfchen getreten.


Mein Projekt ist die MA Darul Ulum in Purwogondo in der Region Jepara. MA steht für Madrasa Aliyah und ist in etwa mit Islamic Highschool zu übersetzen, also eine nicht-staatliche Schule die neben den normalen Fächern noch einen besonderen Schwerpunkt auf islamische Werte legt wie z.B. Arabisch oder das Studium des Korans. Ich assistiere den Lehrern im Englisch- und Französischunterricht und biete zweimal die Woche noch einen Extrakurs Englisch für die motivierteren Schülern an.


Es fällt mir immer noch schwer zu akzeptieren, dass die Lehrer es einfach hinnehmen, wenn ihre Schüler einfach eine ganze Stunde lang nichts in ihr Heft schreiben oder schlafen. Ich versuche immer etwas Disziplin in meinen Unterricht zu bringen und da ich immer noch etwas Besonderes bin, folgen sie mir auch oft. Da die Schüler so etwas aber überhaupt nicht gewöhnt sind, galt ich in den ersten Wochen noch als ausgesprochen streng und viele hatten Angst vor mir. Zum Glück hat mich dann ein befreundeter Lehrer darauf hingewiesen und mir erklärt wie es hier läuft, sodass ich mein Verhalten anpassen konnte, die deutsche Direktheit wirkt hier nämlich schnell arrogant und peinlich.


Sehr gut gefällt mir die familiäre Atmosphäre an der Schule. Es ist z.B. keine Seltenheit, dass ein Lehrer einfach mal einem seiner Schüler seinen Haustürschlüssel in die Hand drückt damit dieser etwas für ihn aus seinem Haus holt.


Meine Lehrerkollegen sind ausgesprochen freundlich und haben mir dieselbe überschwängliche Hilfsbereitschaft entgegengebracht, die ich bisher überall in Indonesien erfahren habe. Ich habe mich von Anfang an sehr wohl gefühlt in meinem Projekt. Auch die Schüler begaffen mich inzwischen nicht mehr nur noch aus der Entfernung sondern kommen oft auf mich zu und stellen mir Fragen zum Unterricht oder wollen einfach ein bisschen mit mir quatschen.


Anfangs war ich ziemlich enttäuscht, dass mir ausgerechnet dieses Projekt zugeteilt wurde; es war keines der 3 Projekte die auf meiner Wunschliste standen und die Ausschreibung hörte sich auch alles andere als verlockend an. Ich erinnere mich an Formulierungen wie „located in the countryside“ und „limited public facilities (no bank, no ATM, no internet connection)“ die mich wirklich abschreckten, da ich auf keinen Fall in einem abgelegenen Dorf, fernab von der Stadt landen wollte. Letztendlich bin ich aber heilfroh in eben diesem Projekt gelandet zu sein. Da hier so gut wie niemand Englisch spricht und ich somit gezwungen bin, ständig meine Sprachkenntnisse anzuwenden, lerne ich die Sprache wesentlich schneller als die Freiwilligen in der Stadt. Außerdem ist die Luftverschmutzung in der Stadt sehr hoch, Indonesien ist nach den USA und China der drittgrößte CO2-Produzent in der Welt.. Auf dem Land erfährt man auch viel mehr vom ursprünglichen, traditionellen Leben als in der Stadt, wie z.B. Schlachtungen oder Beschneidungen. Ganz davon abgesehen ist mein Dorf auch bei weitem nicht so zurückgeblieben wie es in der Ausschreibung dargestellt wird: ich habe W-Lan in der Schule und sogar in meinem Haus, es gibt zahlreiche ATMs und man kann im Supermarkt fast alles kaufen, was man auch in Deutschland bekommen würde.


Die Vorbereitung in Deutschland seitens des ICJAs hat mir definitiv sehr geholfen mich auf meinen Aufenthalt hier vorzubereiten, soweit man sich für ein FSJ überhaupt vorbereiten kann.


Ich denke oft an die „Kulturelle Brille“ und versuche dann die Dinge distanzierter zu betrachten, dass hätte ich ohne die Vorbereitung sicherlich nicht getan. Auch wenn ich Beiträge für meinen Blog schreibe, kann ich oft von den Tipps und Tricks Gebrauch machen, die wir im Vorhinein vom ICJA vermittelt bekommen haben.


Ich hatte mir vorher viele Sorgen gemacht wegen des Islams, Indonesien ist schließlich das bevölkerungsreichste islamische Land der Welt. In Europa existiert leider oft noch die Vorstellung vom bösen, dunklen Islam der Frauen unterdrückt und Terroristen hervorbringt. Obwohl einige meiner besten Freunde in Deutschland Moslems sind, war auch ich von dieser Konditionierung natürlich nicht ganz ausgeschlossen, und so hatte ich teilweise erwartet, für das nächste Jahr mehr oder weniger zum Moslem werden zu müssen, mich sämtlichen Regeln unterwerfen zu müssen und extrem in meinen Freiheiten beraubt zu werden, die ich seit meiner Volljährigkeit und dem Abschluss der Schule so genossen hatte. Zum Glück haben sich aber fast alle Befürchtungen als unbegründet erwiesen. Über meine Meinung zum Islam möchte ich mir jetzt hier nicht auslassen, das würde den Rahmen dieses Berichts sprengen, aber seit ich ihn einmal aus aller nächste Nähe kennen gelernt habe, hat er jegliche bedrohliche Ausstrahlung verloren. Man sagt, wir fürchten uns vor Dingen die wir nicht kennen, und so ist es mit dem Islam denke ich auch.


Grüße aus dem inzwischen verregneten Zentraljava (es ist Regenzeit),


Fabian Garbe

Mittwoch, 3. November 2010

Ein Viertel ist rum

Seit gestern bin ich schon 3 Monate hier, und es kommt mir immernoch so vor, als wären gerade einmal 3 Wochen vergangen. Diesen Anlass möchte ich nutzen, um ein erstes Fazit zu ziehen.

Kurz: Ich bin verdammt froh, hier zu sein.
Es gefällt mir hier so gut, dass ich mir garnicht vorstellen kann, dass es die nächsten 9 Monate genauso toll weitergehen sollen. Zurzeit wüsste ich auch keinen Grund, warum ich zurück nach Deutschland wollte. Es gibt noch so viele tolle Sachen zu entdecken, so viele Orte die ich noch sehen möchte, so Vieles das ich noch nicht weiß und so Vieles das ich noch noch lernen möchte.
Wenn ich mich zurückerinnere, dass ich mir vor meiner Ausreise noch oft gedacht habe, dass ich vielleicht doch lieber in ein weiter entwickeltes Land gehen sollte, kann ich jetzt nur den Kopf schütteln. Besonders wenn ich an meine Freunde denke die ich in Deutschland zurückgelassen habe, bin ich froh diese Entscheidung getroffen zu haben, ein Freiwilliges Soziales Jahr im Ausland zu absolvieren. Aus Deutschland höre ich ständig vom anstrengenden Studium oder vom langweiligen Zivildienst. Hier gibt es jeden Tag ein neues Geheimnis, dass ich der fremden Kultur entlocken kann, eine unbekannte Speise zu probieren und neue Leute kennen zu lernen. Ich verstehe mich mit meiner Gastfamilie und auch den anderen Freiwilligen bestens und auch meine Arbeit gefällt mir, aber davon berichte ich ein anderes Mal.

Ich mache immer mehr Fortschritte mit der Sprache und kann inzwischen schon fast flüssig eine Konversation führen, vorrausgesetzt mein Gesprächsparnter spricht deutlich und keinen Slang, d.h. keine Abkürzungen (die hier leider sehr beliebt sind) und kein Jawanesisch-Indonesisch-Mix. Dummerweise ist das aber genau der Lieblingsstil der hiesigen Jugend, sodass es jedesmal immer ein bisschen dauert, bis ich mit Jugendlichen ins Gespräch kommen kann.

Meine Schüler, Kollegen und Nachbarn sehen mich immer mehr als einer von ihnen an ich ich verliere zum Glück so langsam den Promi-Status des unantastbaren, glänzenden Bule. Inzwiwschen bin ich (fast) einfach ein ganz normaler Mensch der halt statt dunkler Haut einfach helle Haut hat.
Es ist zwar nicht immer einfach, alle Vorurteile zu widerlegen und meine Mitmenschen davon zu überzeugen, das man in Europa zum Beispiel nicht jeden Tag Sex auf der offenen Straße hat oder das es in Deutschland auch Obdachlose und Arbeitslose gibt, aber ich gebe mir jeden Tag sehr viel Mühe.

Mittwoch, 27. Oktober 2010

Schlachthof Vorgarten

Vor einigen Wochen kam ich vom Volleyballspielen nach Hause, ging ins Haus, duschte, aß zu Abend und setzte mich danach wie so oft auf die Terasse vor dem Haus. Alles ganz normal.
Ich quatschte gerade mit einem meiner Gastcousins, als plötzlich ein furchtbarer Schrei ertönte. Ich war zwar etwas überrascht von der Intensivität des Schreis, dachte aber nicht weiter darüber nach, ich hielt es für ein spielendes Kind aus der Nachbarschaft.
Auf einmal sah ich aus dem Augenwinkel, wie sich etwas Großes hinter einer der Säulen der Terasse bewegte. Ich blickte auf und sah plötzlich eine riesige Kuh vor mir stehen! Ich war doppelt überrascht, denn erstens steht einem ja nicht alle Tage einfach eine Kuh gegenüber und zweitens war sie 20 Minuten vorher als ich nach Hause kam noch nicht da. Ich ging auf die Kuh zu und stellte fest, dass sie an einem Baum festgebunden war. Kurz darauf erfuhr ich von meinen Gasteltern, dass sie am nächsten Morgen geschlachtet werden sollte. Obwohl die Schlachtung zu einer typischen indonesischen Zeit stattfinden sollte, nämlich um 4 Uhr morgens, beschloss ich mir dieses (eventuell einmalige?) Ereignis nicht entgehen zu lassen.
Am nächsten Morgen stand ich also voller Spannung zur besagten Zeit auf und setzte mich mit meiner Kamera bewaffnet auf die Terasse. Schon bald kamen immer mehr Männer aus der Nachbarschaft und fingen an, alles vorzubereiten. Es wurden Gartenschläuche angeschlossen, Messer gewetzt und der Vorhof gefegt. Dann wurde die Kuh kurz losgebunden, aber nur um dirket wieder zwischen zwei Bäumen mit dicken Seilen eingespannt zu werden. Die Kuh war offensichtlich völlig am Ende, ich vermute dass sie irgendwie schon die ganze Nacht wusste was auf sie zu kommen würde. Sie schnaufte und stöhnte fürchterlich und war auch schon so schwach, dass es für die Männer ein Leichtes war sie zu Fall zu bringen.
Als alles vorbereitet war und die Kuh komplett eingespannt war wurde ihr dann letztendlich mit ein paar geübten Handgriffen der Hals aufgeschnitten. Das Blut wurde aus der Halsschlagader in einen großen Bottich abgelassen bis nichts mehr nachlief und dann ging es mit dem Zerlegen los. Das Flesich wurde anschließend auf die Nachbarschaft verteilt und später auf einer langen Liste abgerechnet. Schaut euch dazu einfach die Fotos an. Achtung, nichts für Weicheier!

Ich fand es beeindruckend mit welcher Selbstverständlichkeit und Routine das alles von Statten ging. So etwas wäre in einem deutschen Privathaushalt kaum vorstellbar, und auch für mich war es doch eine recht intensive Erfahrung. Mir wurde während der Schlachtung mal wieder bewusst, dass die größten Unterschiede zwischen Kulturen diejenigen Dinge sind, die wir als selbstverständlich erachten.
In Deutschland kauft man sein Rindersteak oder Hackfleisch natürlich im Supermarkt, wo sonst. Das das Tier unter höchsten hygenischen Standarts zerlegt wurde ist außer Frage.
In Indonesien aber ist es das normalste der Welt, dass man sich eine ganze, lebende Kuh kauft und diese selber schlachtet, und zwar einfach in einem Vorhof, auf dem 5 Minuten vorher noch Hühner und Ziegen herumliefen und täglich Kinder spielen.


Zuerst wurde die Kuh zwischen 2 Bäumen eingespannt damit sie sich nichtmehr bewegen konnte.


Nach dem Durchtrennen der Halsschlagader gings es mit dem Zerlegen los.

Die Haut wurde vom Bauch an abgezogen.

Nachdem die Bauchdecke geöffnet war, wurden die Gedärme entfernt.

Fast die ganze Straße hat mitgeholfen.

Die Rippen wurden mit einer Axt durchtrennt.

Nach ca. 1 1/2 Stunden war alles vorbei und das war alles was übrig blieb.

Sonntag, 10. Oktober 2010

Volkssport Essen!

Was bedeutet Essen für die indonesische Bevölkerung? Essen ist die liebste Beschäftigung der Indonesier. Wenn man sich trifft - egal zu welchem Anlass, isst man. Kommt man irgendwo an, isst man. Hat man nichts zu tun, isst man.
Da ein großer Teil der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt, ist es hier sehr wichtig, etwas im Magen zu haben. Essen kommt also als erster Stelle vor allen anderen Genüssen. Dazu kommt, dass immernoch viele Indonesier als Bauern arbeiten, und da ist es wichtig, schnell wieder die Energie aufzunemhen, die man bei der anstrengenden Arbeit auf dem Feld verloren hat. Früher waren, wie in jedem Land der Welt, noch viel mehr Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt als heute, und so ist diese Gewohntheit des ständigen, reichhaltigen Essens in die tägliche Kultur übergegangen und bis heute dort geblieben. Auch wenn man einen gemütlichen Bürojob hat, gegessen wird immer.

Zum besseren Verständnis der Bedeutung von Essen möchte ich folgendes Beispiel nennen: Das Wort kendut heißt gleichzeitig gesund und Wampe...

Besonders als Gast hat man es schwer, denn Gäste müssen grundsätzlich IMMER und so viel wie möglich essen. So kam es in den ersten Wochen nicht selten vor, dass ich völlig vollgefressen auf meinem Bett lag um einerseits weiteren Essenszwängen zu entgehen und andererseits um mich
erst einmal etwas zu erholen. Selbst jetzt, wo meine Gasteltern mich schon längst nicht mehr als Gast betrachten, taucht meine Gastmutter öfters mal hinter einer Ecke auf und streckt mir eine riesige Portion entgegen, mit den Worten: Harus dihabiskan - Das muss aufgegessen werden. Ablehnen ist, wie immer, völlig indiskutabel und würde als Beleidigung gelten.
Ich muss aber auch sagen, dass die indonesische Küche sehr interessant und vielfältig ist. Zum Glück kann meine Gastmutter auch sehr gut kochen. Es gibt so viele verschieden Spezialitäten und mir fremde Gerichte, dass ich wohl tatsächlich das ganze Jahr brauchen werde, um alles zu probieren.
Bisher hat es sich in dieser Hinsicht allerdings als Problem herausgestellt, dass ich in einer muslimischen Familie lebe. Es kommt nämlich nur auf den Tisch, was auch
halal ist. Das Gegenteil von halal ist haram, und haram ist zum Beispiel Schwein und Alkohol, also all die Sachen, die ein gläubiger Muslim nicht essen darf. Ich habe mir interessehalber einmal durchgelesen, nach welchen Kriterien entschieden wird, was halal ist und was nicht. Die Regeln sind recht komplex, und bei vielen Tieren ist auch nicht so ganz geklärt, ob man sie essen darf oder nicht. An Land lebende Tiere ohne sichtbare, außenliegende Ohren sind zum Beispiel haram, deshalb darf man (eigentlich) auch keine Schlangen oder Geckos essen. Durch diese Einschränkung im Speiseplan entgeht mir natürlich einiges, was ich aber hoffentlich noch irgendwie nachholen kann.
Eine der anderen Freiwilligen lebt in einer chinesischen, christlichen Gastfamilie und bei ihr kommt auch öfters mal so exotisches auf den Tisch wie eben Schlange, Frosch oder auch Schweinehirn.
Vor kurzem bin ich von einem Mittagsschläfchen aufgewacht und hatte den intensiven Geruch von gebratenem Fleisch in der Nase. Ich dachte schon es sei richtig geiler, knuspriger Speck und sah schon ein paar Streifen neben einem Rührei auf meinem Teller vor mir liegen, bis mir plötzlich einfiel, dass das ja garnicht sein kann...

In Indonesien wird mindestens dreimal täglich Reis gegessen. In jedem Haus in dem ich bisher war, steht ein spezieller Reiskocher, in dem den ganzen Tag lang heißer Reis zur Verfügug steht. Es ist mir ein Rätsel wie er sich den ganzen Tag lang frisch halten kann, aber irgenwie scheint das Gerät entsprechend gebaut zu sein, sodass der Reis nach 5 Stunden immernoch so schmeckt wie kurz nach dem Einfüllen.

Dazu gibt es meistens eine Auswahl von frittierten Gerichten wie zum Beispiel Krupuk (kennt man in Deutschland vom Chinesen als Shrimp Chips, man kann sie aber auch aus Reis und Hühnchen machen) oder Tempe (eine Art Riegel aus Sojabohnen, sehr lecker) aber auch Fleisch (oft in einer Soße) und Gemüse.
Meistens stehen in einer indonesischen Küche mindestens fünf verschiedene Beilagen den ganzen Tag über auf dem Tisch, damit sich jeder bedienen kann, wann immer er will. Reis ist immer dabei. Bedenken wegen Salmonellen oder ähnlichen Keimen die sich bilden, wenn Essen offen herumsteht, scheint hier keiner zu haben. Muss man anscheinend aber auch nicht, bisher bin ich schließlich noch nicht einmal krank gewesen.
Wenn Indonesier keinen Reis zu einer Mahlzeit bekommen, gilt diese für sie als eine ausgelassene Mahlzeit, ganz egal ob sie Früchte oder sonstiges gegessen haben. Satt fühlen sie sich erst, nachdem sie ihren Reis gegessen haben.

Was mir hier besonders gut gefällt ist die Vielfalt an Früchten. Ich habe noch nirgendwo eine größere Auswahl frischer Früchte gesehen als hier in Indonesien. Die Hälfte davon habe ich vorher noch nie gesehen, geschweige denn probiert. Es kommt oft vor, dass ich mich einfach auf die Terasse setze (mit großartiger Aussicht auf die unendlichen Reisfelder und einen riesigen Berg) und mich genüsslich einer großen Schale Papaya oder Mango widme, die meine Gastmutter vorher (spottbillig) auf dem Markt gekauft hat. Jetzt gerade esse ich übrigens auch nebenbei Papaya :)
Was die hiesigen Geschmacksnerven angeht: Indonesier lieben die Extreme! Vieles ist total überzuckert oder auch sehr scharf. Süßes ist nicht einfach süß sondern oft einfach ein Zuckerklotz, besonders bei Getränken muss man aufpassen. Oft findet man auch Süße in Lebensmitteln, wo man es kaum erwartet – zum Beispiel in Frühlingsrollen oder zusammen mit Sojabohnen. Man muss auch in Restaurants etc. darauf achten, Getränke ohne Zucker zu bestellen, da man hier überall Zucker reinhaut, wo es nur geht (oder auch für uns überhaupt nicht geht). Besonders Kaffee war für mich am Anfang ein Schock. In Deutschland trinke ich meinen Kaffee immer ohne Zucker und mit Milch. Hier wird Kaffee IMMER mit Unmengen von Zucker getrunken und dafür NIE mit Milch. Milch wird hier sowieso sehr selten getrunken. Also genau das Gegenteil von dem, was ich gewöhnt bin.

Eine weitere Besonderheit in Indonesien sind die Warungs. Warungs sind Essensstände an den Straßenrändern. Hier wird von süßen Snacks bis zu kompletten Mittagessen alles angeboten, was die heimischen Felder und Küchen hergeben. Das Warung an sich gibt es in zahlrechen Ausführungen. Mal einfach nur hinten aufs Moped draufgeschnallt, mal in ein Fahrrad integriert (ähnlich wie bei einer Rikscha) und mal als großer Wagen mit Planen und Sitzen.
Das Essen der Warungs sieht meistens sehr interessant und lecker aus. Ich habe allerdings meine Zweifel, was die Hygene anbelangt. Das Essen liegt oft den ganzen Tag bei hohen Temperaturen zur Präsentation in einer Art Schaufenster herum - manches auch ungekocht. Gerade bei rohem Fleisch (totes Hühnchen am Stück) können einem schnell Zweifel an der Hygene kommen. Außerdem lassen sich auch gerne Fliegen auf den Lebensmitteln nieder.

Trotz alle dem esse ich liebend gerne in Warungs!! Obwohl einem jeder Tourist und jeder Reisefüher davor warnt, hatte ich von Anfang an keine großen Bedenken und habe einfach drauflosgegessen, außerdem bin ich ja auch kein Tourist ;) Das Essen war bisher immer sehr lecker und es ist vorallem auch SPOTTBILLIG!! Ich kann zum Beispiel eine große Portion Reis mit einer besonderen Art von Tempe (Kering Tempe) und etwas Hühnchen für ca. 30 Euro-Cent bekommen. Bei mir direkt vor der Schule wird in der Pause auch immer köstliches Bakso verkauft, eine Suppe mit Fleischbällchen aus Huhn, die Portion für nichteinmal 10 Cent!! Ich habe inzwischen schon dutzende Male in solchen Warungs gegessen und war noch nicht einmal krank. Ich muss aber auch zugeben, dass ich bisher der Einzige von allen Freiwilligen bin, der noch nicht krank war...

Vor ein paar Tagen wurde bei mir im Hof eine Kuh von und für die Nachbarschaft geschlachtet, im nächsten Eintrag werde ich ein paar Bilder hochladen.

Dienstag, 28. September 2010

Indonesische Hochzeit

Letzten Freitag wurde ich spontan von einem Lehrerkollegen auf die Hochzeit seines Bruders eingeladen. Zum Glück war mein Indonesischlehrer Munif auch eingeladen, sodass ich mit ihm zusammen dort hin gehen konnte. Da die Gastgeber ziemlich wohlhabend sind, war auch der Rahmen der Hochzeit entsprechend groß: es waren um die 400 Gäste geladen, 3 riesige Zelte aufgebaut, ein eigenes Trommelorchester engagiert und Fotografen und Kameraleute anwesend. Der Verlauf der eigentlichen Hochzeit war relativ unspektakulär, für mich als Neuling allerdings trotzdem sehr interessant.
Während der Zeremonie wurden an sämtliche Gäste durchgehend Teller mit allen möglichen Speisen gereicht, sodass ich den Eindruck hatte, dass kaum einer aufmerksam dem Geschehen auf der eindrucksvollen Buehne folgte, sondern nur mit Essen beschäftigt war. Insgesamt war die Atmosphäre sehr locker, viele Gäste waren auch nur in Jeans und Flip Flops gekommen (ich hatte extra zum ertsen Mal mein Batikhemd angezogen, das ich mir auf Wunsch meines Gastvaters irgendwann einmal kaufen musste). Nach zahlreichen Reden auf Jawanesisch (von denen ich wie immer kein Wort verstand) und nachdem Munif und ich aufgegessen hatten, wollten wir uns auf den Rückweg machen, da es nicht nur langsam langweilig wurde sondern der sich die Zeremonie auch dem Ende neigte. Auf dem Weg nach draußen wurden wir allerdings von dem Lehrerkollegen abgefangen, der mich eingeladen hatte: Wir (bzw. ich) durften selbstverständlich nicht verschwinden, ohne vorher Fotos mit dem Brautpaar geschossen zu haben. Viel mehr möchte ich nicht schreiben, schaut euch einfach die Bilder an.